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Saal mit gepolsterten Stühlen, vielleicht ein Theater

Mal was anderes … ich schreibe ein Theaterstück!

Kurzgeschichten, Gedichte, irgendwann mal ein Roman – das sollte jetzt niemanden überraschen. Das mache ich durchaus und kann auch schon die eine oder andere Referenz nachweisen (naja, bis auf den Roman, aber der kommt noch). Nun aber mache ich etwas für mich gänzlich Neues: Ich schreibe ein Theaterstück! Und zwar für das „Theaterpack“ aus Leipzig. Ja, die heißen wirklich so.

Saal mit gepolsterten Stühlen, vielleicht ein Theater

Worum geht’s dabei? Das „Theaterpack“ veranstaltet dann und wann Krimidinners, bei denen natürlich ein Plot für ein Theaterstück benötigt wird. Ich freue mich sehr über die Möglichkeit, meine Talente in diesem Bereich mal auszuprobieren. Meine Geschichten sind oft ohnehin so angelegt, dass ich eine Drehbuchversion im Hinterkopf habe beim Schreiben. Wie schwer kann es also sein, ein Theaterstück zu schreiben … naja, mal sehen 😛 Eine Idee habe ich, einen Plot mit Charakteren baue ich gerade, die üblichen kleinen Details, Twists etc. werden natürlich auch nicht fehlen. Aber für ein Ensemble von vier Schauspielern und für eine öffentliche Aufführung vor Publikum zu schreiben ist dann doch was anderes, als eine Kurzgeschichte zu verfassen, die in meinem kleinen Universum stattfindet und in der ich keine Rücksicht auf Nachvollziehbarkeit oder gar sowas wie ein Happy-End nehmen muss. Ja, ein nicht allzu düsteres Ende ist explizit erwünscht, immerhin sollen die Gäste ja nicht vollkommen deprimiert aus der Veranstaltung gehen. Das würde ich hinkriegen, keine Frage.

Anders als bei einer meiner Geschichten, bei denen ich es ja oft darauf anlege, die Leser*innen herauszufordern, auch auf die Gefahr hin, dass vielleicht nicht jede Nuance der Geschichte so verstanden wird, wie ich sie gemeint habe, dass vielleicht bestimmte Elemente nicht einmal entdeckt werden. Bei einem Theaterstück ist für mich die größte Herausforderung, den richtigen Mittelweg zwischen versteckten Anspielungen und einer größtmöglichen Zugänglichkeit zu finden.

Die Uraufführung soll, wenn ich mich recht erinnere, im November 2017 stattfinden, es wird dann wohl an mehreren Orten gespielt. Ich bin wirklich aufgeregt und möchte natürlich die bestmögliche Leistung abliefern. Das bedeutet in den nächsten Tagen erstmal Plotten, die Charaktere runder machen und natürlich an der Story feilen, damit sie spannend, überraschend und dennoch nachvollziehbar ist. Auf die für mich typischen Erzählsprünge muss ich hierbei verzichten, mal sehen, wie gut ich darin bin, etwas vergleichsweise Lineares zu schreiben. Und das mit dem Happy-End wird wirklich schwierig …

Sascha Dinse hält die Zwielicht-Single 1 in Händen. Diese enthält von ihm die Horrorgeschichten "Isabelle" und "Endstation"

„Isabelle“ und „Endstation“ im Print-Doppelpack

Zwielicht Single Sascha Dinse

Klick führt zu Amazon

Ich freue mich außerordentlich (und das ist wirklich selten), dass zwei meiner Geschichten quasi spontan gerade als Print erschienen sind. In Vorbereitung auf die Jubiläumsausgabe der „Zwielicht“-Anthologie, nämlich Nr. 10 derselben, und auf meine Lesung am 3.6.2017 auf dem WGT in Leipzig hat sich der Verleger entschlossen, kurzerhand eine Art Singleauskopplung aus der Antho auf den Markt zu bringen. Die A-Seite ist meine „Isabelle“, die auch in „Zwielicht 10“ enthalten sein wird, die B-Seite bildet meine „Endstation“, die bereits in „Zwielicht 8“ zu lesen war.

Zusammengenommen bieten beide Geschichten ca. 80 Seiten bizarrer, spannender Twists und das eine oder ander WTF?-Ereignis. „Isabelle“ ist dabei deutlich gemeiner und gewalthaltiger als „Endstation“, was eher eine philosophische Note mitbringt.

Achso, ja, KAUFEN kann man das Ganze natürlich auch.

Auf meiner Lesung in Leipzig wird es ebenfalls die Möglichkeit geben, ein Exemplar käuflich zu erwerben, natürlich gern auch mit persönlicher Widmung 🙂

Sascha Dinse liest aus "Isabelle", Horrorgeschichte, auf dem WGT2017 in Leipzig

Lesung aus „Isabelle“ am 03.06.2017 in Leipzig

Nachdem ich bereits letztes Jahr von der großartigen Luci van Org eingeladen wurde, im Rahmen einer Veranstaltung des VEID e.V. auf dem WGT in Leipzig zu lesen, freue ich mich sehr, auch dieses Jahr wieder mit von der Partie sein zu dürfen.

Am 03.06.2017 von ca. 16:00 Uhr bis 16:40 Uhr (sofern alles pünktlich läuft), werde ich einige Passagen aus „Isabelle“ lesen. Für die Teilnahme an der Veranstaltung ist kein WGT-Ticket nötig, darüber hinaus ist der Eintritt frei. Es gibt also keine Ausrede, nicht dabei zu sein ^^

Genauere Informationen zum Ort der Lesung findet ihr in der Veranstaltung auf Facebook.

Die Geschichte erscheint höchstwahrscheinlich in etwa zeitgleich in der Anthologie „Zwielicht 10“. Sowohl Verleger als auch Lektorin bescheinigten mir, dass die Geschichte „ein wenig krank“ (Verleger) bzw. „schon sehr krass“ (Lektorin) sei, was ich einfach mal als Gütesiegel ansehe, da beide sich sehr beeindruckt zeigten.

Hier ein kleiner Teaser zu „Isabelle“ (Klick führt auf eine externe Seite):

Isabelle

Wie in meinen Geschichten üblich, spielt auch „Isabelle“ mit der Wahrnehmung des Protagonisten und damit auch der der Leser*innen. Verworrene, nicht unbedingt in der chronologisch korrekten Reihenfolge abgelegte Erzählfragmente, die aber in sich eine geschlossene Geschichte erzählen, wobei bewusst einige Elemente offen gehalten sind, spinnen den Plot, damit Leser*innen sich selbst die Hintergründe zusammenbauen können. Oder müssen.

Für meine Verhältnisse ist die Geschichte sehr splatterlastig ausgefallen, was aber lediglich bedeutet, dass es die eine oder andere exzessive Szene gibt, ohne das alles nur in Blut ertränkt würde. Selbstzweckhafte Gewalt ist für mich kein erzählerisch reizvolles Element, vielmehr setze ich derartige Szenen nur dann ein, wenn sie für die Handlung eine gewisse Relevanz haben. Und das, liebe Leserinnen und Leser, haben sie, soviel kann ich verspreche. Wer schon mal etwas von mir gelesen hat, weiß vielleicht, dass meine Geschichten immer eine Art Metaplot beinhalten, eine Geschichte unter der Oberfläche quasi, die sich erst entfaltet, wenn man die Bruchstücke selbst zusammensetzt. Ja, ich fordere meine Kundschaft. Entspanntes „mal-so-nebenbei-lesen“ gibt’s bei mir nicht. „Isabelle“ enthält sogar die erste (Trommelwirbel!) Sex-Szene, die ich je geschrieben habe. Natürlich ist auch diese nicht ganz das, was man anfangs vielleicht erwartet … „bizarr“ trifft es vielleicht ganz gut. Im Kontext der Geschichte fügt sie sich jedoch nahtlos ein, und hat selbstverständlich eine tiefere Bedeutung, die jede/r Leser*in aber für sich selbst herausfinden muss.

Wie schon in „Endstation“ oder „Alioth“ ist das eigentliche Grundthema überhaupt kein gewalttätiges, sondern eher eine philosophische Sichtweise. Gut, ich gebe zu, dass ein gewisser misanthropischer Zynismus wie auch in vielen meiner anderen Geschichten ein tragendes Element ist. Ich wohne in Berlin, da bleibt das wohl nicht aus. Ich baue gern Anspielungen und versteckte Zitate in meine Geschichten ein, die dem Kenner noch ein wenig mehr über die Hintergründe offenbaren, ohne den Laien ratlos dastehen zu lassen.

Ich freue mich auf euer Erscheinen in Leipzig und fiebere dem Termin entgegen, um „Isabelle“ endlich einem größeren Publikum vorstellen zu können.

Zitat aus der Kurzgeschichte "Isabelle" von Sascha Dinse, Horror

Was „Isabelle“ mit „Crash“ und „Lost Highway“ zu tun hat

First things first. Ich freue mich außerordentlich, dass meine „Isabelle“ es zu einer Veröffentlichung in der Jubiläumsausgabe der deutschen Horroranthologie „Zwielicht“ (nämlich in „Zwielicht 10“) geschafft hat. Nach „23b“ und „Endstation“ liefere ich nunmehr meine dritte Kurzgeschichte in der Anthologiereihe ab. Und, soviel kann ich versprechen, wem die anderen beiden gefallen haben, der wird auch seinen Spaß mit „Isabelle“ haben. Blutiger, kranker und sogar noch zynischer als die Vorgängerinnen, erlaubt „Isabelle“ einmal mehr den Blick in meine inneren Abgründe. Was in der Tat dazu führt, dass Freunde, die „Isabelle“ schon testlesen durften, sich wirklich die Frage stellen, ob meine Gesellschaft nicht doch irgendwie gefährlich ist …

Zitat aus der Kurzgeschichte "Isabelle" von Sascha Dinse, Horror

Inspiration und ihr Einfluss auf „Isabelle“

Aber was hat denn nun eine meiner Kurzgeschichten mit Filmen zu tun? „Crash“ von David Cronenberg und „Lost Highway“ von David Lynch sind nicht nur zwei meiner absoluten Lieblingsfilme, sondern lieferten maßgebliche Inspiration zu „Isabelle“. Das äußert sich in diesem Fall nicht in offensichtlichen Anspielungen, vielmehr in Grundmotiven. So gibt es in „Lost Highway“ eine Stelle, an der der Hauptcharakter sagt, dass er sich an Dinge lieber so erinnert, wie er möchte, nicht unbedingt so, wie sie wirklich passiert sind. Und, Überraschung, in vielen meiner Geschichten geht es ja um genau so etwas. Auch in „Isabelle“. Der Horror schleicht sich langsam an, anstatt sofort aus dem Gebüsch zu springen.

Trailer „Lost Highway“

Auch Cronenbergs „Crash“ stand maßgeblich Pate für die Stimmung in „Isabelle“. Menschen, die einen, sagen wir, sehr speziellen Stimulus suchen, geraten tiefer und tiefer hinein in einen bizarren Strudel von Ereignissen. Und der letzte Satz in „Isabelle“ ist dann doch sehr, sehr nah dran am letzten Satz in „Crash“, der auf ähnliche Art endet.

Trailer „Crash“

Das ist alles kein Zufall

Wer mich und meine medialen Vorlieben kennt, findet in meinen Geschichten ohnehin jede Menge Anspielungen: Der „kalte Tag in der Hölle“, von dem in „Endstation“ die Rede ist, stammt beispielsweise aus dem Computerspiel „Max Payne“, wo ein Level entsprechend benannt ist. Die Sequenz mit dem Telefonanruf aus der Metro bezieht sich wiederum auf eine ähnliche Stelle in „Lost Highway“. Und dass der Arzt in „Charlotte“ Dr. Channard heißt, ist natürlich ebenso kein Zufall. Google that …

Sofern „Isabelle“ in gedruckter und digitaler Form das Licht der Welt erblickt, werde ich hier natürlich darüber berichten.

auge schwarz weiß nahaufnahme

„Funken“ – Kurzgeschichte

auge schwarz weiß nahaufnahme

Drei Wochen ist es jetzt her, dass man die Leichen des Ehepaars Peterson fand. Ein Freund der Familie hatte den beiden einen Besuch abstatten wollen und fand stattdessen ein Bild des Grauens. Sein gellender Schrei weckte die Hausbewohner und noch Minuten später hatte er sich nicht beruhigt, brüllte und heulte wie von Sinnen, so dass trotz später Stunde bald das ganze Haus auf den Beinen war. Irgendwann beruhigte er sich und saß regungslos auf der Treppe zur ersten Etage, die Augen starr ins Nichts gerichtet. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und noch bevor Polizei und Krankenwagen vor Ort waren, hatte sich die gesamte Hausgemeinschaft unten in der Eingangshalle zusammengefunden, um zu tratschen, zu spekulieren und nach Schuldigen zu suchen.

Ms. Eggleston aus der Dritten schwor Stein und Bein, am Abend eine schwarze Gestalt im Hausflur gesehen zu haben. Niemand nahm die Worte der alten Dame ernst. Wie glaubwürdig konnte jemand sein, der seit Urzeiten ohne Mann und Familie lebte? Noch dazu erzählte sie hin und wieder Geschichten über Geräusche in den Wänden und ähnlichen Unsinn. Mr. Michaels, der griesgrämige Kriegsveteran, forderte bewaffnetes Personal zur Bewachung des Gebäudes, worauf hin ein lautstarker Streit über den Sinn und Unsinn von Schusswaffen entbrannte.

Es war also alles wie immer, wenn dergleichen Dinge in der Solomon Street 124 geschahen.

Als die Polizei kam und die Wohnung betrat, herrschte gespannte Stille unter den Zaungästen in der Eingangshalle. Mit angehaltenem Atem lauschte man, was da oben wohl vor sich ging. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können. Als sich der erste Beamte bereits kurz nach Betreten der Wohnung lautstark erbrach, rauschte nacktes Entsetzen wie eine Welle durch die Menge. Getuschel, Bekreuzigungen, das volle Programm. Die versteinerten Gesichter der Polizisten, die professionell gespannte Miene des Gerichtsmediziners und vor allem die absolute Stille während des Abtransports der Leichen verliehen der Situation etwas Gespenstisches. Nicht nur, dass dort oben zwei Menschen zu Tode gekommen waren, der Zustand der Leichen musste besonders grauenerregend gewesen sein.

Als die toten Körper und der noch immer apathisch vor sich hin starrende Besucher abtransportiert waren, kehrte Ruhe ein.
Die Wohnung der Petersons war mit Klebeband und einem Amtssiegel verschlossen worden, nachdem die Spurensicherung ihre Arbeit dort erledigt hatte. Neugierige Hausbewohner schlichen über den Flur der sechsten Etage, als würden sie erwarten, dass die Tür sich wie von Geisterhand öffnen und ihnen einen Blick hinein ermöglichen würde. Natürlich geschah das nicht.

Die Befragung der Hausbewohner begann früh am nächsten Morgen. Systematisch arbeiteten sich die Polizisten von unten nach oben vor, stellten Fragen, machten Notizen, versuchten mitfühlend zu wirken. Gesehen hatte niemand etwas, wenn man von Ms. Eggleston absah, ebenso war keinem der Bewohner etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Die Petersons wurden als harmonisches altes Ehepaar beschrieben, die keiner Fliege etwas hätten zuleide tun können. Unvorstellbar, dass der alte Peterson zuerst seine Frau und danach sich selbst auf bestialische Art und Weise umgebracht haben sollte. Nach ein paar Stunden verließen die Beamten das Gebäude, ohne eine Erklärung oder auch nur grundlegende Erkenntnisse zu den Umständen der Tat gefunden zu haben. Die Zeitungen erwähnten den bedauerlichen Todesfall, schwiegen sich aber über Details aus.

Bereits wenige Tage danach hatte die Wohnung der Petersons einen neuen Mieter. Ein Künstler musste er sein, Schriftsteller wahrscheinlich, zumindest dem Anschein nach. Gerüchten zufolge wollte er über die Vorfälle im Haus recherchieren, um einen Roman darüber zu schreiben. Jonah Myers war sein Name.
Die nächsten Tage verliefen ruhig, beinahe hatte man vergessen, dass hier unlängst zwei Menschen ermordet worden waren. Familien riefen ihre Kinder zum Essen, das Pärchen aus der Ersten stritt lautstark, um danach noch lauteren Sex zu haben, der Fahrstuhl war defekt und wurde repariert, einmal fiel für einige Stunden der Strom aus. Es sei ein altes Gebäude, meinte der Hausmeister, da wäre so etwas nicht ungewöhnlich.

Und dann fand man Ms. Eggleston tot in der Waschküche, mit einer Wäscheleine erhängt. Sie hatte sich auf einen der Plastikstühle gestellt, die Wäscheleine an einem Rohr unter der Decke befestigt, sich die Schlinge um den Hals gelegt und war gesprungen. Die junge Mutter aus der Zweiten gab später glaubhaft zu Protokoll, Ms. Eggleston hätte sie aus ihren toten Augen angestarrt, als sie die Waschküche im Keller betrat. Nach Aussage des Gerichtsmediziners konnte ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden. Selbstmord also. Nicht ungewöhnlich in diesen Tagen. In der Wohnung der Toten wurde dann deutlich, wie es um den Geisteszustand der alten Frau bestellt gewesen sein musste. Die Tapeten waren von den Wänden gerissen, stattdessen hatte sie alles akkurat mit gelbem Klebeband versiegelt. Böden, Decken, alles. Selbst die Fliesen im Bad hatte sie mit einem Hammer herausgeschlagen. Der Spiegel lag zertrümmert in der Badewanne. In ihrem Tagebuch hatte sie minutiös protokolliert, welche Aktivitäten sie in den Wänden wahrgenommen hatte. Rascheln, Kratzen, Schnaufen, geflüsterte Worte manchmal. Mr. Myers machte Fotos, schrieb hastig Notizen auf seinen Block, stellt dutzende Fragen und war an einfach allem interessiert, was in irgendeiner Weise mit dem Haus und seiner Geschichte zu tun hatte.

Ms. Eggleston war verrückt gewesen, daran bestand kein Zweifel.

Die Geräusche in den Wänden ließen sich schnell auf Ratten zurückführen, die sich in dem jahrzehntealten Gemäuer niedergelassen hatten. Böse Zungen behaupteten, dass einzig die Ratten das Gebäude noch vor dem Einsturz bewahren würden, so löchrig sei das Mauerwerk. Ein Kammerjäger wurde bestellt und lieferte sich einen mehrere Tage andauernden Kampf mit einer Schar Ratten. Mr. Michaels kommentierte die Bemühungen lapidar damit, dass man es entweder mit sehr intelligenten Ratten, oder einem ausgesprochen dummen Kammerjäger zu tun haben musste. Einige hundert tote Ratten später kehrte wieder Ruhe ein im Haus in der Solomon Street 124. Ms. Egglestons Wohnung wurde renoviert und neu vermietet.

Gestern dann brach das Feuer aus. Vom Brandherd im Keller griff es schnell auf die erste Etage über und fraß sich erbarmungslos nach oben. Mitten in der Nacht wurden die glücklicheren Bewohner der Solomon Street 124 von Rauchschwaden geweckt und versuchten panisch das Gebäude zu verlassen, während die weniger Glücklichen in ihren Betten erstickten oder Opfer der gierigen Flammen wurden. Irgendjemand hatte die Feuerleitern sabotiert, den Haupt- und Notausgang versperrt und große Mengen Benzin im Keller und im Hausflur ausgeschüttet. Achtzehn Menschen starben in dieser Nacht.

Als man Stunden später die völlig verkohlte Leiche von Jonah Myers im Keller fand, hielt er noch das Feuerzeug in seinen bis auf die Knochen heruntergebrannten Händen. Der Feuerwehrmann, der die Leiche entdeckte, sagte aus, auf dem Gesicht des Toten hätte ein Lächeln gelegen.

Und nun zu Ihnen.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen all das erzähle. Vielleicht fragen Sie sich, was das mit Ihnen zu tun hat. Nichts, werden Sie sagen. Doch das ist eine Lüge. Und das wissen Sie.

Diese Momente des Zögerns, des Zweifelns, der Unsicherheit sind es, die mich anziehen. Jede Notlüge, jedes Verschweigen, jedes stille Aufkeimen eines Konflikts tief in Ihnen, jedes unausgesprochene Wort des Hasses, jede in der Tasche geballte Faust, jede unterdrückte Emotion lassen mich näher kommen. Näher zu Ihnen.

Ich kenne die misstrauischen Blicke, das Getuschel hinter vorgehaltener Hand, die spöttischen Bemerkungen, das abfällige Lachen, das selbstgefällige Grinsen, die neugierigen Blicke durch den Türspion, das Lauschen an den Wänden und das Warten auf irgendetwas, das eine Beschwerde lohnt.

Ich bin es, der Ihnen das Messer in die Hand legt, wenn Sie bereit sind, jemandem die Augen herauszuschneiden und sie roh herunter zu schlingen, nachdem Sie den Kopf Ihres Opfers mit bloßen Händen vom Rumpf gerissen haben. Ich bin es, der Ihnen dann im Spiegel zeigt, zu welcher Kreatur Sie geworden sind. Ich bin es, der Ihnen die Schlinge reicht, wenn Sie erkennen, dass Ihr Leben nur aus Verzweiflung und Einsamkeit besteht. Ich bin es, der den Funken schlägt, wenn Sie Flammen suchen.

Ich bin es, vor dem die Ratten fliehen.

Ich bin das Flüstern in der Nacht. Ich bin das Kratzen in den Wänden.

Eines Tages komme ich auch in Ihr Haus. Und dann werden Sie erkennen, was Ihnen gefehlt hat. Der Anstoß, der letzte Impuls.

Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, jemandem Gewalt anzutun? Haben Sie noch nie in Gedanken jemandem die Kehle zugedrückt, immer fester und fester? Haben Sie noch nie daran gedacht, wie es sein muss, ein Messer in lebendes Fleisch zu stoßen? Das Große aus der Küche, das mit der blitzenden Klinge? Auch wenn Ihr Gewissen Ihnen einzureden versucht, dass das für Sie unvorstellbar sei, auch wenn Sie jeden Gedanken daran vertreiben möchten, so ist es doch zutiefst menschlich. Schämen Sie sich nicht dafür.

Sie sind, wie Sie sind.

Und irgendwann in der Nacht werden Sie meine Stimme hören. Leise zunächst. Doch mit jeder Stunde, jedem Tag, jeder Woche werden meine Worte lauter: Tun Sie es. Tun Sie es.

Klingelt es gerade irgendwo in Ihrem Haus? Klopft ein Fremder an eine Tür? Öffnen Sie kurz, um nachzusehen? Werfen Sie einen schnellen Blick in den Hausflur, weil da irgendein Geräusch war? Ein schmaler Spalt, ein offenes Fenster, ein Riss im Dielenboden – mehr brauche ich nicht.

Kein Klebeband der Welt wird Sie retten vor meinem Flüstern.

Wenn Sie nachts Geräusche in den Wänden hören, denken Sie an mich.

Irgendwann wird das Sie zum Du. Meine Worte werden die eines vertrauten Freundes.

Eines Tages wird meine Stimme zu Deiner.

Und dann ist es mein Gesicht, das uns aus dem Spiegel anschaut.

Träume heute Nacht von Funken, die ein Feuer entfachen.

Tu es.

Tu es.

Tu es!

Straße im Dunkeln

Filmkritik: „The Invitation“ (2015)

So, gestern mal wieder einen Film gesehen, der mir auf einem Streamingportal als Geheimtipp empfohlen wurde. Sollte wohl was ganz Besonderes sein, dürfte man vorher nicht zu viel drüber wissen und so. Dies vorweg: Die erste Hälfte ist gut gelungen, danach geht’s bergab. Aber der Reihe nach.

Straße im Dunkeln

MASSIVE SPOILERS AHEAD!

 

Kammerspiel

„The Invitation“ ist über weite Strecken ein sehr, sehr ruhiger Film, der seine Spannung bis kurz vor Schluss nur daraus bezieht, dass man die ganze Zeit über rätselt, was genau eigentlich passiert. Zu Beginn werden Will und seine neue Freundin Kira zu einer Party in den Hollywood Hills eingeladen, die von Wills Ex-Frau und deren neuem Lebensgefährten veranstaltet wird. Im Laufe der Geschichte erfährt man, dass Will und Eden (seine Ex) einen Sohn hatten, der bei einem Unfall um’s Leben kam, was die Beziehung der beiden zerstörte. Entsprechend überrascht ist Will, dass er nach zwei Jahren Funkstille plötzlich zu einer Party eingeladen wird.

Im Haus der Ex angekommen (wo Will früher auch wohnte), treffen wir auf eine Gruppe von Personen, die im weiteren Verlauf der Story im Prinzip keine wirkliche Funktion erfüllen, vom Ende mal abgesehen. Ausnahme sind ein mysteriöser Freund des Hausherren und eine leicht schräge Frau, die außer Eden und ihrem Freund niemand sonst zu kennen scheint.

Es gibt gutes Essen, viel Wein und diverse Gespräche. Und langsam geht es dann um etwas, das „The Invitation“ genannt wird. Schnell kommt beim Zuschauer das Gefühl auf, dass es sich dabei um eine Art Sekte handelt, in der Eden und ihre Bekannten die letzten zwei Jahre verbracht haben. Es geht um das Loslassen von Schmerz und sowas …

Weit hinter seinen Möglichkeiten

Die Stimmung im ersten Teil der Geschichte ist gut eingefangen, obwohl eigentlich nichts passiert. Es baut sich ein gutes Gefühl der Spannnung auf und ich habe mich dabei ertappt, die ganze Zeit zu rätseln, was wohl dahinter stecken mag. Letztlich war der Twist aber ernüchternd. Ja, es ist wirklich eine Art Sekte. Ja, sie wollen die anderen und sich selbst umbringen, um dem Elend dieser Welt zu entfliehen. So, das soll jetzt besonders großartig sein? Fand ich sehr, sehr lahm, ehrlich gesagt. Da baut der Film wirklich gekonnt Spannung auf, spielt dann und wann mit Einsprengseln aus der Vergangenheit, lässt das Gefühl aufkommen, dass hier ein richtig böser Twist folgen wird und dann … ist es einfach nur Geballer und Gehacke zum Schluss? Was für eine Verschwendung, was für ein liebloses Drehbuch.

Eine Sache hat mich zusätzlich gestört: Ziemlich zu Anfang verlässt eine Frau die Party, weil ihr das alles zu schräg wird. Der Anfüher der Sekte (einer der beiden, die keiner sonst kannte) geht mit ihr nach draußen, lässt sie vom Hof fahren etc. Ich habe natürlich vermutet, dass man am Ende noch mal darauf zurückkommt, indem man z.B. rauskriegt, dass er sie getötet hat, weil er ja ein durchgeknallter Irrer ist. Doch nichts dergleichen. Die Figur verschwindet und taucht einfach nicht mehr auf. Die ganze Szene ist völlig unnötig, weil sie nichts zum Film beiträgt. Genauso sind die anderen Charaktere (insgesamt ca. 10 Personen) nur zu dem Zweck im Skript, um am Ende Kanonenfutter für die Irren zu sein. Öde. Es gibt keine Hintergrundgeschichten, keine verborgenen Twists, keinen doppelten Böden, gar nichts.

Gut, am Ende stellt sich heraus, dass das Gemetzel im Haus nur Teil einer größer angelegten Geschichte ist, denn auch in anderen Häusern in der Gegend scheint dasselbe zu passieren. Okay, das ist als Ende ganz nett. Doch mir reicht das nicht. Es gibt keinen wirklichen Hintergrund zur Sekte, zu ihren Absichten, keine Hintergründe zur Auswahl der „Opfer“ oder zu sonst irgendwas.

„The Invitation“ bleibt am Ende ein Film, der so viel mehr hätte sein können und ich gebe ihm eine 4/10 Punkten für die gute Atmosphäre am Anfang. Mehr ist nicht drin, dafür ist das Skript zu dünn.

treppenstufen in der dunkelheit

Ich bin jetzt bei Patreon – Crowdfunding-Experiment

treppenstufen in der dunkelheit

Träume und anderer Wahnsinn

Vom Schreiben irgendwann leben zu können – wenngleich sicher nicht in Saus und Braus – das ist in der Tat ein Traum. Auch meiner. Doch wie das mit Träumen so ist, zunächst sind sie nichts weiter als die Manifestation von Sehnsüchten, Wünschen und dem unbewussten „irgendwie-nicht-zufrieden-sein“ mit dem, was man hat. Nun könnte ich, wie viele Self-Publisher es tun, darauf setzen, möglichst viel zu schreiben, viel zu veröffentlichen und zu hoffen, dass die Masse allein irgendwann genügend Verkäufe generiert, um davon leben zu können. Ja, könnte ich. Dann würde ich aber einer von denen werden, die ich jeden Tag in Self-Publisher-Gruppen in Facebook sehe – einer von denen, die sich beschweren, warum niemand ihre Bücher kauft, warum das böse Amazon dies oder das (nicht) tut, warum die Leserschaft so undankbar ist – einer von denen also, die andere für den eigenen Misserfolg verantwortlich machen. Ist eher nichts für mich.

Ich versuche stattdessen, einen anderen Weg zu gehen. Unter anderem deshalb habe ich Ende letzten Jahres ein Profil bei Patreon angelegt. Dort können Fans eines Künstlers diesen finanziell unterstützen und erhalten im Gegenzug Leistungen, die sonst nicht zu bekommen wären. Langfristig, und das ist mir wichtig, möchte ich mir u.a. dort Fans aufbauen, Unterstützer sammeln und ja, auch etwas Geld verdienen, um meine Schreiberei vorantreiben zu können. Denn seien wir ehrlich: mit den Genres, die ich schreibe, surrealer Horror zum Mitdenken sowie hintergründige Science-Ficttion, wird man nicht reich. Ein Blick auf die Listen der „Bestseller“ quer durch verschiedene Portale reicht aus, um festzustellen, welche Genres gut laufen. Doch statt, wie offenbar viele SPler es machen, jetzt munter „50 Shades of Grey“ zu kopieren oder irgendwas anderes à la „Wie angle ich mir einen Millionär“ oder ähnlichen Kram zu schreiben, bin ich (noch?) der Meinung, dass Qualität für mich Vorrang haben sollte. Der Markt ist voll mit (auch wenn das arrogant klingt) schlechten Werken, nicht nur von SPlern, auch Verlage veröffentlichen hin und wieder Mist, so dass das Produzieren von mehr Mist sicher nicht dazu beiträgt, besser gefunden, mehr gelesen und mehr gekauft zu werden.

Support your local writer on Patreon!

Das Patreon-Experiment

Wie gesagt, Patreon soll ein Weg sein, mir eine gewisse Basis zu schaffen. Das wird schwer, da gebe ich mich keinen Illusionen hin, immerhin ist der Deal bei Patreon, dass meine Patrons, die mir immerhin monatlich Geld zustecken, auch eine adäquate Gegenleistung dafür bekommen. Seien es bislang unveröffentlichte Geschichten, sei es die Möglichkeit, selbst an gewissen Teilen von Geschichten oder Handlungssträngen mitzuarbeiten, seien es Rabatte auf Produkte … ich muss einfach etwas liefern, was die finanzielle Unterstützung rechtfertigt. Das kostet Zeit, kreative Anstrengung und natürlich Durchhaltevermögen.

Ich habe keine Ahnung, inwiefern meine Idee, das Schreiben mittels Crowdfunding zu unterstützen, eine Zukunft haben wird. Immerhin wird auch mein Leben weder einfacher noch billiger, da haben sich schon einige Dinge angesammelt in den letzten Jahren, von privaten Dingen, die irgendwie bewältigt werden wollen über den Stress meines derzeitigen Brotjobs bis hin zu finanziellen Verpflichtungen, denen nachgekommen werden will – es könnte alles so einfach sein. Aber sich beschweren hilft nicht (siehe oben), nur das machen hilft.

Ich freue mich über jede Art der Unterstützung. Ob ihr mich direkt finanziell jeden Monat mit einem, drei, fünf oder mehr Euro unterstützen wollt (ich werde demnächst die Pledges noch mal überarbeiten), ob ihr mir auf Patreon einfach folgt (das geht natürlich auch ohne Spende!) oder euren Freunden davon erzählt, dass ich so gruselige Dinge schreibe – mit all dem würdet ihr mir eine riesige Freude machen!

Hier noch mal der Link zu meinem Patreon-Profil.

So, und jetzt muss ich dann mal weiterschreiben. Nicht hier, sondern an einer Geschichte …

Die Vorzüge des Unglücklichseins

Glücklich sein – was heißt das eigentlich? Was ist Glück? Ist es Erfolg? Ist es ein Zustand, ein Gefühl oder etwas völlig anderes? Um das Unglücklichsein verstehen zu können, muss ich wohl damit beginnen, was es für mich bedeutet, Glück zu empfinden. Glück ist dabei mehr als ein mir zufällig wohlgesonnenes Schicksal, soviel steht fest. Doch was würde ich auf die Frage antworten, was mich glücklich macht? Zunächst vielleicht, dass mir Erfolg, Geld, Anerkennung und dergleichen zwar etwas bedeuten, sie aber vor dem eigentlichen verblassen, was für mich Glück bedeutet: diesen einen anderen, ganz besonderen Menschen gefunden zu haben, der sein Leben mit mir verbringen möchte. Klingt einfach, nicht wahr? Heißt es nicht, dass es zu jedem Topf einen Deckel gäbe?

Ich habe mich schon oft gefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, mein Empfinden für Glück auf etwas anderes als die perfekte Person an meiner Seite auszurichten. Es gelingt mir nicht. Beruflicher Erfolg bedeutet, dass ich meine Miete zahlen kann. Künstlerischer Erfolg bedeutet derzeit, dass ich positives Feedback von den Menschen bekomme, die meine Geschichten lesen. Ja, das ist schön, vermag aber nicht diese eine Stelle in mir zu füllen, die auch als Bestsellerautor noch brachläge. Ja, Geld zu verdienen ist schön, für berufliche Leistungen gewertschätzt zu werden auch, aber emotional bedeutet mir das alles nichts. Wirklich gar nichts. Ist das normal? Sollte das so sein? Ich habe das Gefühl, dass es vielen Menschen anders geht. Sie jagen der „Karriere“ hinterher (was immer das sein soll), wollen höhere Positionen erklimmen, Personalverantwortung oder sonstwas ergattern, um dann … ja, um genau was eigentlich damit zu tun? Das habe ich mich schon immer gefragt.

Der Faktor für mein Glücklichsein ist also dieser andere Mensch, nicht irgendeiner natürlich, sondern diese eine richtige Person. Sie zu finden scheint eine unmögliche Aufgabe. Mehrere Umstände machen es schwierig. Zum einen habe ich einen recht speziellen Geschmack, was Menschen angeht. Damit meine ich nicht unbedingt das Äußere (wobei ich gegen ein Karen Gillan-Lookalike nichts einzuwenden hätte), sondern vielmehr das Wesen darunter. Wenn ich mir die Frauen ansehe, in die ich mich verlieben könnte, sind bestimmte Muster in ihren Persönlichkeiten zu erkennen. Nicht alle davon sind unbedingt begrüßenswert. Man hat ja hin und wieder ein Beuteschema, das nicht in jeder Hinsicht „gesund“ ist, so rein seelisch gesehen. Sich dann doch immer wieder Menschen auszusuchen, unterbewusst wohlgemerkt, die dieselben charakterlichen Merkmale und Schwächen haben, wirkt beinahe wie Vorsehung.

Lange ohne diese eine Person zu sein, führt bei mir dazu, dass ich unglücklich werde. So sehr ich das Alleinsein schätze, so sehr ich mich daran gewöhnt habe, unabhängig zu sein, so sehr fehlt mir dieses Gegenstück in einem anderen Menschen. Vielleicht schreibe ich deshalb in meinen Geschichten fast ausnahmslos weibliche Charaktere, die alle auf ihre Art für mich infrage kämen, gäbe es sie denn in wirklich. Jeder Mensch hat wohl Strategien, mit dem Gefühl des Unglücklichseins umzugehen. Manche flüchten sich in wilde Abenteuer mit irgendwem, andere sprechen Drogen zu, wieder andere versuchen sich an Poly-Beziehungen, die aus meiner Sicht in einer Vielzahl der Fälle nichts anderes als der Versuch sind, sich nicht festlegen zu müssen und dennoch kurzfristig glücklich zu sein. Selbsttäuschung, in meinen Augen. Aber das ist natürlich nur meine Meinung und ich erhebe nicht den Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben. Ich habe keine solche Strategie. Mit irgendwem ins Bett zu hüpfen, um mein blutendes Herz zu trösten … das funktioniert nicht. Sich in die Arbeit stürzen, ja, das hilft kurzfristig. Aber eine Lösung ist es nicht.

Doch vielleicht gibt es auch positive Aspekte daran, sich seelisch kaputt zu fühlen. Aus künstlerischer Sicht kann ich sagen, dass ich meine besten Arbeiten zustande bringe, wenn es mir schlecht geht. Gleichzeitig ist dieser Zustand auf Dauer selbstzerstörerisch, soviel habe ich gelernt. Meine Strategie des Umgehens mit unerfüllter Liebe hat sich stark gewandelt. Wäre ich früher diesem einen Menschen so lange ich konnte nachgelaufen, so habe ich erkannt, dass das natürlich auch nur Selbstbetrug ist. Was machst du, wenn sie dir sagt, dass sie dich toll findet, dass du alles hast, was sie sich im idealen Partner vorstellt und sich dennoch nicht in dich verliebt hat? Hoffen? Warten? Luftschlösser bauen? Nein. Ich weiß, wie unwahrscheinlich es ist, dass Gefühle, die nicht da sind, plötzlich spontan entstehen. Daher verabschiede ich mich von ihr, sage, was ich fühle, damit ich es nicht mit mir herumtragen muss. Danach breche ich alle Brücken ab. Weil es nicht anders geht.

Und dann erkenne ich, dass das Unglücklichsein doch etwas Gutes hat. Ich denke über mich nach, über meine Gefühle, darüber, warum ich so empfinde. Nicht, dass ich daran wirklich etwas ändern könnte, aber allein die Erkenntnis, dass einzig die Ausblenden-und-Vergessen-Methode für mich als Bewältigungsstrategie gut funktioniert, ist ja schon was wert. Schließlich, und das darf nicht vergessen werden, führt meine aktuelle Stimmung auch dazu, dass ich viel andere Musik höre als sonst. Altes, neu entdeckt, Neues, als Erweiterung des Horizonts. Nur bei Stücken, die ich in irgendeiner Weise mit jemandem assoziiere, dem ich emotional nachtrauere, sollte ich vorsichtig sein.

So gesehen, hat das Unglücklichsein wirklich einige Vorzüge, wenngleich ich diese aktuell nicht unbedingt zu schätzen weiß. Oder ich belüge mich selbst und unglücklich sein ist einfach Scheiße.

Wer weiß das schon so genau.

wellen auf dem meer, schaumkämme, schwarz-weiß

„Alioth“ erscheint 2017 in einer Anthologie

wellen auf dem meer, schaumkämme, schwarz-weiß

Während ich diesen Artikel schreibe, liegt die lektorierte Fassung von „Alioth“ auf meinem Schreibtisch und harrt der Änderungen, die ich noch vornehmen möchte. Letzter Feinschliff, Politur, wenn man so will. Hier und da ein Füllwort weniger, ein paar stilistische Korrekturen, aber zu ca. 98% ist die Geschichte bereits so, wie ich sie haben möchte. Da ich der Meinung bin, dass jede meiner Veröffentlichungen in bestmöglicher Qualität des Licht der Welt erblicken sollte, nehme ich mir die Zeit dafür, auch wenn es gerade wirklich stressig ist in meinem Leben.

Auszug aus "Alioth", Science-Fiction Kurzgeschichte von Sascha Dinse

Die meisten meiner Geschichten entstehen ausschließlich in meinem Kopf, inspiriert von Dingen, die ich sehe, höre oder anderweitig erlebe. „Alioth“ ist insofern eine kleine Ausnahme, als dass die Inspiration dazu von einem Bild stammt, dem ich nicht zufällig über den Weg gelaufen bin. Vielmehr sprach mich die Lektorin einer früheren Geschichte (siehe „Endstation“, unlängst im Rahmen der „Zwielicht 8“- Anthologie erschienen) darauf an, dass sie vorhätte, eine Sammlung von Geschichten herauszugeben, die alle Bezug zu computergenerierten Bildern eines Digitalkünstlers haben. Also quasi ein Bildband mit von den Bildern inspirierten Geschichten. Ich bin sehr auf die anderen Beiträge gespannt, da die Bandbreite der Motive in den zur Verfügung stehenden Bildern wirklich beachtlich ist, von düster-philosophischer Science-Fiction über Fantasy oder Geschichten, die völlig ohne phantastische Elemente auskommen – alles wäre möglich. Es dürfte also eine sehr abwechslungsreiche Sammlung werden.

Nun aber zur eigentlichen Geschichte. „Alioth“ wird, wie bei meinen Geschichten üblich, nicht in einer direkten Linie erzählt, sondern in zwei alternierenden Handlungssträngen. Natürlich liegen die Dinge auch hier nicht so, wie der Leser es anfangs vermuten wird. Gleichzeitig hält sich „Alioth“, typisch für meine Sci-Fi-Ausflüge, mit futuristischem Kram weitestgehend zurück und legt stattdessen sein Augenmerk auf die menschliche, psychologische Ebene. Ähnlich wie schon in „Das Alison-Szenario“ oder „Susan“ versuche ich mit der Imagination meiner Leser*innen zu spielen, und erst ganz am Ende zu offenbaren, was wirklich geschieht in „Alioth“.

Ich freue mich sehr auf die Veröffentlichung und werde selbstverständlich hier berichten, sobald es soweit ist.

nebliger wald

Novembergedanken

nebliger wald

Hätte ich jemals vor, meinem Leben ein Ende zu setzen, ich würde den November wählen. Der Gedanke, gleichsam mit den fallenden Blättern und kahlen Ästen der Bäume, dem trüb-nebligen Morgendunst und den wolkenverhangenen Tagen die eigene Existenz zu beenden, hat etwas Beruhigendes. Versteht mich nicht falsch, ich mag den November. Sehr sogar. Nach dem Mai ist er gleich an zweiter Stelle meiner Lieblingsmonate*.

Der Novemberherbst ist für mich immer auch die Zeit im Jahr, die ich für das Nachdenken über mein Leben nutze, etwas, das in den zurückliegenden Jahren oft aufgrund persönlichen und beruflichen Stresses in den Hintergrund getreten war. Dabei ist es wichtig, das merke ich immer dann besonders, wenn es mir eine zeitlang nicht gut geht. Unruhig, unentschlossen, schwer zu motivieren, oft zurückgezogen … die andere Seite des stets gut gelaunten Dozenten, der tagsüber Menschen alle möglichen Dinge erklärt, immer einen Witz auf den Lippen hat und scheinbar nie den Spaß an der Arbeit verliert. Mein Arbeits-Ich ist dabei keine Maske, die ich aufsetze und zu Hause ablege, aber es zeigt dennoch nur einen Teil meiner Person.

Das zurückliegende Jahr war anstrengend, aber erfolgreich. Beruflich will ich in 2017 weg von den Vollzeitaufträgen, hin zu mehr Flexibilität, um auch Zeit für das Schreiben zu finden. Jaja, hatte ich mir bereits für 2016 vorgenommen, hat eher so mäßig gut geklappt. Künstlerisch konnte ich zumindest ein paar Sachen schaffen, habe einige Geschichten für die „Berlin Asylum“ geschrieben, „Endstation“ wurde veröffentlicht, Ende des Jahres wird (endlich!) „Susan“ veröffentlicht und die erste VÖ für 2017 („Alioth“) steht auch schon in den Startlöchern. Doch bin ich damit zufrieden? Nein. Mein Unvermögen, mehr Zeit für das Schreiben aufzubringen, mein Sich-lieber-mit-Netflix-auf-die-Couch-legen-wollen, meine Trägheit, was das Rausgehen betrifft, mein Geistig-ausgelaugt-sein und noch einiges mehr machen mich gerade unzufrieden mit mir, ja geradzu wütend auf mich.

Immerhin komme ich gerade etwas voran, wenn auch langsam, habe einen Verlag für die Veröffentlichung meiner ersten eigenen Sammlung von Geschichten an der Hand, eine äußerst fähige und sympathische Lektorin und ggf. sogar eine Illustratorin, die etwas Farbe (nein, das ist gelogen, wird eh alles schwarz/weiß) reinbringen könnte. Ja, das will ich schaffen, ich bin auf dem Weg dorthin. Danach soll es endlich mal mit dem Roman weitergehen, so dass dieser im nächsten Jahr fertig wird. Gemessen am Komplexitätsgrad, den ich erreichen möchte, ist das zwar ein ehrgeiziges Unterfangen, aber man muss ja Ziele haben, nicht wahr?

Dass ich mit dem Schreiben niemals reich werde, damit habe ich mich abgefunden. Ich wäre vollauf zufrieden, als Autor irgendwann davon leben zu können, nicht in Saus und Braus, sondern ganz bürgerlich. Und auch wenn ich wahrlich kein neidischer Mensch bin, zwickt es mich doch immer wieder, wenn ich mitbekomme, dass andere Autor*innen den ganzen Tag Zeit zum Schreiben haben, während ich meinem Brotjob nachgehe, um meine Miete zahlen zu können. Ja, sicher, mein Bedarf an Geld ist natürlich auch „selbst verschuldet“, wenn man so will: geschieden, zwei Kinder, Unterhalt, eigene Wohnung, Kredite. Weiß ich. Aber ich würde einiges dafür geben, einfach Vollzeitschriftsteller sein zu können, auch wenn das vielleicht zu noch mehr Isolation führen würde.

Isolation ist ein gutes Stichwort. Natürlich ist es meinen Freunden gegenüber ungerecht, mich als isoliert zu bezeichnen, schließlich sind sie immer für mich da und ja, ich verbringe doch dann und wann Zeit mit Menschen. Aber nach einiger Zeit als Single merke ich, dass ich dafür nicht wirklich gemacht bin. Bei allen Vorzügen, die das Alleinsein hat, so stelle ich doch mehr und mehr fest, dass diese Lücke in meinem Seelenleben weder mit Geld noch irgendeinem anderweitigen Erfolg gefüllt werden kann. Gleichzeitig bin ich ganz sicher auch nicht der einfachste Mensch der Welt, habe meine Ecken und Kanten, stelle an andere Menschen ebenso hohe Ansprüche wie an mich selbst und merke dabei … die Auswahl an interessanten Menschen, mit denen ich gern Zeit verbringen oder die ich gar zu einem festen Bestandteil meines Lebens machen möchte, ist … sagen wir, gering.

Tja, hmm, auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob mein derzeitiges Leben mit Arbeit, Schreiben, ein wenig Ruhe und dann und wann Kontakt zu Freunden überhaupt Platz ließe für diesen einen speziellen Menschen, so es diesen denn gibt. Werde ich wohl sehen.

So, genug in Melancholie und Selbstmitleid geschwelgt, jetzt geht es wieder an’s Schreiben.


* Aber sich im Mai das Leben zu nehmen … das wäre wirklich keine Option. Es wäre, wie sich bereits nach der Overtüre wieder zu erheben und das Opernhaus zu verlassen.