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Novembergedanken

nebliger wald

Hätte ich jemals vor, meinem Leben ein Ende zu setzen, ich würde den November wählen. Der Gedanke, gleichsam mit den fallenden Blättern und kahlen Ästen der Bäume, dem trüb-nebligen Morgendunst und den wolkenverhangenen Tagen die eigene Existenz zu beenden, hat etwas Beruhigendes. Versteht mich nicht falsch, ich mag den November. Sehr sogar. Nach dem Mai ist er gleich an zweiter Stelle meiner Lieblingsmonate*.

Der Novemberherbst ist für mich immer auch die Zeit im Jahr, die ich für das Nachdenken über mein Leben nutze, etwas, das in den zurückliegenden Jahren oft aufgrund persönlichen und beruflichen Stresses in den Hintergrund getreten war. Dabei ist es wichtig, das merke ich immer dann besonders, wenn es mir eine zeitlang nicht gut geht. Unruhig, unentschlossen, schwer zu motivieren, oft zurückgezogen … die andere Seite des stets gut gelaunten Dozenten, der tagsüber Menschen alle möglichen Dinge erklärt, immer einen Witz auf den Lippen hat und scheinbar nie den Spaß an der Arbeit verliert. Mein Arbeits-Ich ist dabei keine Maske, die ich aufsetze und zu Hause ablege, aber es zeigt dennoch nur einen Teil meiner Person.

Das zurückliegende Jahr war anstrengend, aber erfolgreich. Beruflich will ich in 2017 weg von den Vollzeitaufträgen, hin zu mehr Flexibilität, um auch Zeit für das Schreiben zu finden. Jaja, hatte ich mir bereits für 2016 vorgenommen, hat eher so mäßig gut geklappt. Künstlerisch konnte ich zumindest ein paar Sachen schaffen, habe einige Geschichten für die „Berlin Asylum“ geschrieben, „Endstation“ wurde veröffentlicht, Ende des Jahres wird (endlich!) „Susan“ veröffentlicht und die erste VÖ für 2017 („Alioth“) steht auch schon in den Startlöchern. Doch bin ich damit zufrieden? Nein. Mein Unvermögen, mehr Zeit für das Schreiben aufzubringen, mein Sich-lieber-mit-Netflix-auf-die-Couch-legen-wollen, meine Trägheit, was das Rausgehen betrifft, mein Geistig-ausgelaugt-sein und noch einiges mehr machen mich gerade unzufrieden mit mir, ja geradzu wütend auf mich.

Immerhin komme ich gerade etwas voran, wenn auch langsam, habe einen Verlag für die Veröffentlichung meiner ersten eigenen Sammlung von Geschichten an der Hand, eine äußerst fähige und sympathische Lektorin und ggf. sogar eine Illustratorin, die etwas Farbe (nein, das ist gelogen, wird eh alles schwarz/weiß) reinbringen könnte. Ja, das will ich schaffen, ich bin auf dem Weg dorthin. Danach soll es endlich mal mit dem Roman weitergehen, so dass dieser im nächsten Jahr fertig wird. Gemessen am Komplexitätsgrad, den ich erreichen möchte, ist das zwar ein ehrgeiziges Unterfangen, aber man muss ja Ziele haben, nicht wahr?

Dass ich mit dem Schreiben niemals reich werde, damit habe ich mich abgefunden. Ich wäre vollauf zufrieden, als Autor irgendwann davon leben zu können, nicht in Saus und Braus, sondern ganz bürgerlich. Und auch wenn ich wahrlich kein neidischer Mensch bin, zwickt es mich doch immer wieder, wenn ich mitbekomme, dass andere Autor*innen den ganzen Tag Zeit zum Schreiben haben, während ich meinem Brotjob nachgehe, um meine Miete zahlen zu können. Ja, sicher, mein Bedarf an Geld ist natürlich auch „selbst verschuldet“, wenn man so will: geschieden, zwei Kinder, Unterhalt, eigene Wohnung, Kredite. Weiß ich. Aber ich würde einiges dafür geben, einfach Vollzeitschriftsteller sein zu können, auch wenn das vielleicht zu noch mehr Isolation führen würde.

Isolation ist ein gutes Stichwort. Natürlich ist es meinen Freunden gegenüber ungerecht, mich als isoliert zu bezeichnen, schließlich sind sie immer für mich da und ja, ich verbringe doch dann und wann Zeit mit Menschen. Aber nach einiger Zeit als Single merke ich, dass ich dafür nicht wirklich gemacht bin. Bei allen Vorzügen, die das Alleinsein hat, so stelle ich doch mehr und mehr fest, dass diese Lücke in meinem Seelenleben weder mit Geld noch irgendeinem anderweitigen Erfolg gefüllt werden kann. Gleichzeitig bin ich ganz sicher auch nicht der einfachste Mensch der Welt, habe meine Ecken und Kanten, stelle an andere Menschen ebenso hohe Ansprüche wie an mich selbst und merke dabei … die Auswahl an interessanten Menschen, mit denen ich gern Zeit verbringen oder die ich gar zu einem festen Bestandteil meines Lebens machen möchte, ist … sagen wir, gering.

Tja, hmm, auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob mein derzeitiges Leben mit Arbeit, Schreiben, ein wenig Ruhe und dann und wann Kontakt zu Freunden überhaupt Platz ließe für diesen einen speziellen Menschen, so es diesen denn gibt. Werde ich wohl sehen.

So, genug in Melancholie und Selbstmitleid geschwelgt, jetzt geht es wieder an’s Schreiben.


* Aber sich im Mai das Leben zu nehmen … das wäre wirklich keine Option. Es wäre, wie sich bereits nach der Overtüre wieder zu erheben und das Opernhaus zu verlassen.

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sascha dinse. berlin. horror. science-fiction. kurze geschichten. lange geschichten. immer düster. immer mit doppeltem boden. manchmal mehr böden.

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