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Political Correctness? Is’ mir egal.

Sascha Dinse, Schriftsteller, während einer Lesung Foto: Jörg Merlin Noack Fotografik, edit. Sascha DinseIn meinem derzeitigen Hauptberuf als Dozent für Social Media und derartiges habe ich jeden Tag hautnah Kontakt mit Shitstorms, öffentlicher Aufregung, Skandälchen und Skandalen, die in den sozialen Netzwerken durch die Gegend schwappen. Schnell ereifert sich die Netz-Öffentlichkeit über vermeintlichen Sexismus, erschafft Hashtags wie #einearmlänge, stolpert über politisch nicht korrekte Äußerungen, während auf der Gegenseite die „besorgten Bürger“ in genau die entgegengesetzte Richtung argumentieren hetzen. Soweit, so Facebook.

Beispiel? Gern. Vor einiger Zeit veröffentlichten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einen Musikclip, der Mitarbeiter*innen der BVG als weltoffen darstellen sollte. Musikalisch … sagen wir, Geschmacksache … kam der Clip überwiegend gut an.

Hier das Video zu „Is’ mir egal“.

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Sicher nicht Grammy-verdächtig, aber auch nicht total schlecht. Lässt mich zwar emotional kalt, aber das liegt vielleicht an mir.

Was geschah nach der Veröffentlichung? Die Netz-Öffentlichkeit war größtenteils amüsiert, die BVG hatte ihr Ziel erreicht, für einige Tage mal positiv (!) in aller Munde zu sein. Ich als Berliner kann sagen, dass das eher selten der Fall ist.

Doch die TAZ titelte kurz darauf: „Alles Weiße? Is’ nich’ egal!“ Häh? Ist mir beim ersten Durchschauen des Clips in der Tat nicht aufgefallen – dunkelhäutige Menschen tauchen nicht auf. Die TAZ findet’s doof und kritisiert das Ausschließen der dunkelhäutigen Bahnfahrer*innen aus dem Clip. Gut, das darf man doof finden, wir sind ein freies Land, aber ernsthaft? Hätte die BVG dann noch ein paar dunkelhäutige Menschen eingebaut, hätte sich sicher ein anderes Haar in der Suppe finden lassen. „Political Correctness“ ist in mancher Hinsicht durchaus zu befürworten, doch wie alles läßt auch sie sich übertreiben. Immerhin kam eine „Oma mit Gruftis“ vor, das sollte doch wohl genug Randgruppenkram sein ^^ #zielgruppe

Warum schreibe ich darüber?

Nun, ganz einfach, weil ich mich als Schriftsteller in einer ähnlichen Situation wähne. Ich schreibe „Urban Horror“, wenn man diesen Anglizismus mal bemühen möchte, meine Geschichten spielen in einer fiktiven Großstadt und meine Protagonisten begegnen dort Menschen. Soweit, so Berlin. Aber muss ich als Autor jetzt auch darauf achten, hübsch alle Ethnien, Hautfarben, Religionen etc. in meine Geschichten einzubauen, damit mir nicht Rassismus oder Ausgrenzung bestimmter Volksgruppen zum Vorwurf gemacht werden können?

Mir is’ das ehrlich gesagt schnuppe. Ich werde weder in meine Geschichten noch in meine Romane Alibi-Figuren einbauen, noch denen irgendwelche Alibi-Hautfarben geben. Ich schreibe meine Protagonist*innen und Nebenfigur*innen einfach so, wie ich sie mag. Dass ich auf blasse Haut und rote Haare stehe, dass ich Goth bin und daher das entsprechende Schönheitsideal teile, dass ich meine weiblichen Figuren so schreibe, dass sie mir (!) gefallen – das nenne ich meine künstlerische Freiheit. Wer mich auch nur ein klitzekleines Bisschen kennt, weiß, dass ich so ziemlich der weltoffenste, toleranteste, liberalste Mensch bin, den man sich vorstellen kann. Aber nur weil ich weder mit Moslems, noch Juden, noch Hindus, Schwulen, Lesben, Bi- oder Transsexuellen, Anhängern der Polygamie, BDSM-Fans oder irgendwem sonst ein Problem habe, muss ich ja nicht solche Figuren schreiben. Oder? Richtig. Das hat überhaupt gar nichts damit zu tun, dass ich ihre Art zu leben oder ihren Glauben ablehne, es hat einfach etwas damit zu tun, dass meine Geschichten aus meinem Kopf kommen und dass in meinem Kopf die Dinge nun mal aussehen, wie sie aussehen. Schaut euch einfach Jill an, schaut euch Zoe an, dann wisst ihr, was ich meine. Ich gebe zu, dass ich dunkle Haut nicht attraktiv finde, hey, ich bin Goth, das ist jetzt nicht wirklich überraschend. Mal abgesehen davon, dass es völlig unmöglich sein dürfte, wirklich alle Varianten von Menschen in irgendeiner Form einzubauen, zu erwähnen oder anderweitig zu involvieren.

Sollte ich aber irgendwann mal relevant genug sein, dass die TAZ einen meiner Romane liest, dann schwant mir bereits heute, dass es dann heißen wird: „Ihhh, die sind ja alle blass und rothaarig oder Goth, wo sind denn bitte die Dunkelhäutigen???“

So what? Erzähl’s Wayne, den interessiert’s.

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