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Laien, Lektoren und andere Experten

Vor ein paar Tagen entdeckte ich auf Spiegel Online einen Artikel, in welchem ein Lektor sich dazu äußerte, wie viele aussichtlose Manuskripte er jeden Tag auf den Tisch bekommt. Auf Facebook sorgte der Artikel für viel Resonanz, zumindest in diversen Schriftstellergruppen wurde er diskutiert.

Vorab vielleicht etwas Persönliches: Ich bin über Facebook mit einer Reihe von Autor*innen in Kontakt, bin Mitglied in einer ganzen Menge Gruppen zu Themen wie Self-Publishing, Verlagssuche und sowas. Was ich dort immer wieder feststelle: viele, sehr viele Autor*innen bewegen sich tatsächlich in einem Bereich, den selbst ich als Nicht-Profi nur als extrem laienhaft beschreiben kann. Ich will in keiner Weise behaupten, dass meine Geschichten „besser“ sind, doch ich lege viel Wert auf Anspruch, Komplexität, Orthographie und Grammatik. Vielleicht riskiere ich damit, meine potentielle Leserschaft zu überfordern und werde niemals reich … wer weiß.

Da gibt es die (sorry) ziemlich talentfreien, die aus reiner Begeisterung für das Schreiben tätig sind (was ja in keiner Weise schlecht ist) und offenbar sehr viel erotische (?) Literatur produzieren, die oftmals hart am Kitsch vorbeischrammt. Es scheint eine Zielgruppe zu geben, von daher soll jeder ruhig schreiben, was er/sie mag. Dann gibt es die „ach-bitte-helft-mir-doch-mal-bei-dieser-Formulierung“-Exemplar*innen, dazu habe ich mich bereits früher hier geäußert. Ein Erlebnis von gestern hat mir dann ein weiteres Mal gezeigt, dass Self-Publishing zwar praktisch, aber auch mit Risiken behaftet ist. In einer Werbegruppe stolperte ich über einen Artikel, der ein Buch auf Amazon bewarb. Bereits im Teaser wurde deutlich, dass es sich dabei ganz offensichtlich um kinderpornografisches Material handelte. Ich sprach den Autor via Facebook darauf an, der wiegelte ab und meinte, das wäre „doch alles natürlich“ (Zitat) und ich solle ihm nicht so etwas unterstellen. Ich antwortete daraufhin, dass der Protagonist seiner Geschichte nach Angabe im Teasertext neun (!) Jahre alt sei und es ganz offensichtlich darum ging, die erwachende Sexualität eines Neunjährigen zu schildern, inkl. expliziter Szenen in Richtung Masturbation und so weiter – auf eine in meinen Augen äußerst voyeuristische Weise. Besagtes Buch ist nach wie vor auf Amazon zu finden. Ich verzichte aus den genannten Gründen auf eine Verlinkung. Sicher ist das ein Extremfall, doch er zeigt deutlich, wie sich der Literaturmarkt verändert hat –  statt relativ weniger Veröffentlichung von Verlagen (die vorher ganz sicher auch jugendschutztechnisch geprüft werden) wird der Markt überschwemmt von selbsternannten Schriftsteller*innen, die alle den Anspruch haben, von ihrer „Kunst“ leben zu können.

Insofern kann ich den Lektor aus dem Artikel gut verstehen, wenn er sich über die geringe Qualität vieler Manuskripte beschwert. Gleichzeitig ist auch ein Lektor nur ein Mensch, der, egal wie objektiv er zu sein versucht, immer auch nach persönlichem Geschmack filtert. J. K. Rowling musste auch viele Verlage abklappern, um Harry Potter unterbringen zu können. Dass das an mangelnder Qualität gelegen hat, wage ich eher zu bezweifeln (auch wenn ich als mythologieaffiner Mensch schon bemängle, dass Rowling einfach überall geklaut hat :P).

Was genau macht denn einen „großen Schriftsteller“ aus? Diesen Begriff verwendet der Lektor im Artikel. Definiert man das nach der Anzahl der Verkäufe? Das wäre in der Tat sehr einfach gedacht. Mit gutem Marketing und einem bekannten Verlag im Hintergrund kann man quasi jeden zu einem Bestseller-Autoren pushen. Natürlich suchen sich Verlage für sowas die aussichtsreichsten Kandidaten aus. Macht man es am literarischen Anspruch fest? Auch das wäre schwierig. Etliche „Klassiker der Weltliteratur“, die ich lesen musste oder teils freiwillig gelesen habe, waren in meinen Augen sehr überbewertet, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ sei hier als Beispiel genannt. Außer der Schilderung eines Lebens voller sexueller Ausschweifungen (Wunschdenken des Autors?) und ein paar politischen Anspielungen steckte in dem Buch aus meiner Sicht nichts, was es zu „Weltliteratur“ macht. Ich bin nun aber kein Kritiker, sondern Leser und urteile rein nach meinem Geschmack.

Vielleicht müssen wir uns von der Idee des „großen Schriftstellers“ verabschieden und uns lieber an viele, viele kleinere Schriftsteller gewöhnen? Vielleicht ist das der Zeitgeist. Vielleicht erkennen Verlage das auch noch irgendwann. Natürlich ändert das nichts daran, dass auch viele Autor*innen Geld mit ihren Werken verdienen wollen, die vom Schreiben einfach nichts verstehen. Die Schwemme an mäßig interessanter Literatur wird weitergehen, solange damit tatsächlich irgendwie Geld verdient werden kann. Durch KDP, neobooks & Co. ist Schreiben zu einem Geschäftsmodell für die breite Masse geworden, wie es scheint. Was nicht schlecht sein muss.

Ich habe mir ohnehin Genres ausgesucht, in denen (zumindest im Moment) kein Geld zu verdienen ist. Wer liest schon komplexen Horror und nachdenklich machende Sciene-fiction? Aber ich schreibe weiter, auch auf die Gefahr hin, dass sich Lektoren irgendwann darüber aufregen, dass meine Geschichten ihnen die Synapsen verknoten.

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1 Kommentare

  1. Hallo Sascha!
    Vielen Dank für deine differenzierte Sichtweise! Das, was der Lektor in dem Spiegel-Artikel schreibt, trifft meiner Meinung nach die Realität. Nur: Wer Lektor in einem großen Publikumsverlag ist, sichtet selbst in der Regel keine unverlangt eingesandten Manuskripte, das tun Praktikanten, Volontäre und freie Mitarbeiter. Lektoren betreuen die Hausautoren, prüfen Angebote von Agentur etc… derart zu jammern halte ich für übertrieben!
    Ich finde ja: Jeder darf schreiben. Jeder sollte schreiben. Gerne auch Mittelmäßiges. In meine Augen ist das Schreiben nämlich schon ein Hobby – da würde ich dem Lektor im Spiegel-Artikel widersprechen. Man beschäftigt sich mit seiner Leidenschaft, der Sprache, dem Erzählen, dem Erfinden von Geschichten. Und das darf jeder so viel und oft er möchte… so wie ja auch jeder Fußball spielen kann, auch wenn er kein Profi ist – ein Fußball und ein paar Freunde genügen.
    Das Problem beginnt meiner Meinung nach mit der Unterscheidung zwischen dem „Schreiben für sich selbst“ und „Schreiben, um zu publizieren“. Da wird es schwierig. Weil das Schreiben für ein Publikum einfach anderen Regeln folgt, als das Schreiben für sich selbst, man muss dafür echtes Können haben, so wie auch ein Profifußballer gut trainiert ist.
    Ob wir uns von der Idee des „großen Schriftsteller“ verabschieden müssen? Vielleicht gab es ja die „großen Schriftsteller“ nie – vielleicht hat es nur die Aufmerksamkeitsökonomie der Massenmedien uns glauben lassen… und jetzt verteilt sich eben die Aufmerksamkeit auf ein paar mehr…?

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