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Eine Frage der Perspektive

Sascha Dinse, SchriftstellerEin Freund meinte vor einiger Zeit zu mir, er hätte das Lesen von „Das Alison-Szenario“ sehr genossen, es sei aber anfangs schwierig gewesen, sich an die Erzählperspektive zu gewöhnen. Dazu muss man wohl kurz erläutern, dass ich stets aus der ersten Person und im Präsens erzähle. Bedeutet, meine Geschichten werden komplett aus den Augen und dem Verstand des Hauptcharakters erzählt. Ich verzichte bewusst auf den alleswissenden Erzähler, der parallel auch die Handlungen anderer Personen darstellt. Und ich mag die Vergangenheitsform nicht. Ehrlich gesagt kann ich nicht mal nachvollziehen, warum „Ich ging die Straße entlang.“ von vielen Lesern als besser (?) empfunden wird als „Ich gehe die Straße entlang.“ Für mich stellt letztere Version die weitaus packendere und direktere Erzählweise dar. Das mag damit zusammenhängen, dass in meinen Geschichten oft nicht so recht klar ist, ob sich alles auch wirklich so abspielt, wie der Protagonist es erlebt, oder ob ihm seine Wahrnehmung nicht doch einen Strich durch die Rechnung macht. Besonders die Schilderung solcher Ereignisse (mit Menschen reden, die eigentlich nicht da sind, zum Beispiel), deren Bedeutung sich erst am Ende der Geschichte enthüllt, die vor dem Leser bis zum Schluss verborgen bleiben sollen (wer „Das Alison-Szenario“ gelesen hat, weiß vielleicht, was ich meine), empfinde ich aus dieser Erzählperspektive als viel direkter.

Hier ein Textbeispiel aus „Susan“, das mit etwas Glück demnächst bei Amrûn erscheint.

Auszug aus "Susan", Science-fiction Kurzgeschichte von Sascha Dinse

Nun spielt wohl die Gewöhnung eine große Rolle aufseiten der Leser*innen. Man mag, was man kennt. Geht mir ja auch so. Heißt auch nicht, dass ich die Vergangenheitsform im Allgemeinen blöd finde. Autoren wie King beweisen ja seit Jahrzehnten, dass man auch aus dieser Perspektive extrem genial schreiben kann. Ich hingegen könnte mir nicht vorstellen, eine Geschichte wie „23b“ oder „Endstation“, die beide mit dem Leser bzw. desser Vorstellungskraft spielen, aus der Vergangenheitsform zu erzählen. Das wäre irgendwie, als würde ich aus einer Position über Dinge berichten, die sich zugetragen haben und wäre nicht selbst Teil der Sache. Besonders dann, wenn z.B. der Protagonist am Ende der Geschichte stirbt oder dergleichen, ist eine Vergangenheitsperspektive irgendwie witzlos … immerhin ist der Erzähler tot, wie soll er also Vergangenes schildern können? Da ich mir in meinen Geschichten gern Optionen offen und die Leser*innen so lange wie möglich im Unklaren lassen will, kommt das für mich nicht infrage.

Im Hinblick auf diverse demnächst fertig werdende Geschichten und auch die Arbeit an meinem ersten Roman werden dort einige Fäden zusammenlaufen. Viele, wenn nicht alle, meiner Geschichten berühren sich irgendwo, spielen im selben Universum, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Lediglich die Protagonisten sind andere (Spoiler: Selbst das muss nicht der Fall sein). So schildert jede Geschichte eine Facette der Welt, jeweils (und ausschließlich) aus der Perspektive einer einzelnen Person (wobei auch das manchmal nicht so ganz korrekt ist … aber ich spoilere schon wieder). Das ermöglicht es mir, ohne einen alleswissenden, allessehenden Erzähler mimen zu müssen, langsam, nach und nach die Zusammehänge in meiner Welt zu enthüllen. Wer „Das Alison-Szenario“ kennt und irgendwann mal „Susan“ lesen wird, könnte verstehen, was ich meine. Ich schlüpfe quasi in verschiedene Rollen in meiner eigenen Welt. Vielleicht trifft der Protagonist aus einer meiner Geschichten sogar mal auf einen anderen aus einer anderen Geschichte … wer kann das schon so genau wissen ?

Letztlich empfinde ich die Wahl der Perspektive als Stilelement. Ich schreibe sehr direkt, weit weniger blumig, als andere und versuche, durch die sehr persönliche Sichtweise eine möglichst hohe Unmittelbarkeit zu erzeugen. Wie man am Erfolg von „23b“ sehen kann, scheint das zu funktionieren. Bleibt also zu hoffen, dass meine Leser*innen sich langfristig dran gewöhnen 🙂

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