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Wie einer meiner Plots entsteht

Sascha Dinse, SchriftstellerWelten zu entwerfen, sich Charaktere auszudenken, Handlungsstränge zu entwickeln, Leserinnen und Leser gekonnt durch eine Geschichte zu führen, die spannend, wendungsreich und unvorhersehbar ist – das ist es, was ich unter „Schreiben“ verstehe. Ob Kurzgeschichte oder Roman, beide brauchen das, was man „Plot“ nennt. Quasi den roten Faden, um den herum die handelnden Figuren und Ereignisse arrangiert werden.

Am Anfang meiner Geschichten steht in den allermeisten Fällen kein fertiger Plot, sondern eine Idee. Das kann ein Satz sein, das kann eine bestimmte Situation sein, das kann ebenso bereits das Ende einer Geschichte sein – fast ausnahmslos entsteht der richtige Plot, also die tatsächliche Geschichte, erst in einem Prozess. Dieser Prozess ist für mich das Spannendste am Schreiben, gleichzeitig aber auch das Anstrengendste. Wer mal etwas von mir gelesen hat, z.B. „Das Alison-Szenario“ oder „23b“, wird spätestens am Ende der Geschichten merken, dass die Handlungsstränge teilweise recht komplex sind und nicht unbedingt in der richtigen chronologischen Reihenfolge vorliegen. Ich mag diese Art Geschichten, in denen etwas hin und her gesprungen wird zwischen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, weil aus meiner Sicht daraus organischere Plots hervorgehen.

Diese Art des „Plottens“ hat zwar den angenehmen Effekt, dass dabei gute Geschichten rauskommen, allerdings muss man sich auch ziemlich tief reindenken, damit das alles am Ende noch einen Sinn ergibt. Wenn der Protagonist in bestimmten Szenen Dinge noch nicht wissen kann, dann muss man da halt drauf achten. Es gibt nämlich eine Sache, die ich wirklich schrecklich finde: Plot-Holes. Beim Lesen einer Geschichte oder beim Anschauen eines Films festzustellen, dass da irgendjemand die Idee nicht konsequent zuende gedacht hat, ist wirklich nervig. Schon oft hat mir ein Plot-Hole (also ein „Loch“ in der Handlung) den Spaß an einem Buch oder Film verdorben. Konstruierte Zufälle z.B., die so unrealistisch sind, dass sie als „deus ex machina“-Kunstgriff eines überforderten Autors angesehen werden müssen – schlechter Stil. Besonders in Geschichten mit Zeitreisen und dergleichen ist es schwer, unlogische Wendungen zu vermeiden. Eine Welt wie in „Zurück in die Zukunft“, wo man die Ereignisse im eigenen Zeitstrang ändern kann (was ich für Unsinn halte), funktioniert in einer Komödie ganz ausgezeichnet. In „Looper“ hingegen funktioniert das zum Beispiel überhaupt nicht, total doofer und in sich absolut unlogischer Film. Ärgerlich.

Na gut, nun aber wieder zurück zu mir. Von der ersten Inspiration geht es also ans grobe Gliedern. In Scrivener lege ich dafür einzelne Abschnitte an, die quasi kleine Unterkapitel einer Geschichte werden soll. Der Plot wird also anfangs erst mal strukturiert, ich lege in etwa fest, was in den einzelnen Blöcken geschehen soll, wann sie spielen und so weiter. Besonders bei Geschichten, die ähnlich surreal wie „23b“ oder „Susan“ aufgebaut sind, schiebe ich hin und wieder auch mal Kapitel an andere Stellen, weil das mehr Sinn ergibt, oder für die Spannung einfach zuträglicher ist. Ich schreibe oft die ersten Kapitel und schaue dann, ob sich neue oder andere Ideen in meinen Kopf einschleichen. Der Plot ändert sich also, mal mehr oder weniger stark, während des Schreibens. Aus einer Idee wird vielleicht eine andere, manchmal ändern sich sogar größere Dinge. Dieser Prozess ist toll! Am Ende steht *immer* eine viiiiieeeel bessere Geschichte, als ich sie mir anfangs vorgestellt hatte. Manchmal hilft es auch, eine Idee für ein paar Tage einfach ruhen zu lassen, damit sie quasi reifen kann. Führt zwar dazu, dass ich teils tagelang über Charaktere und Handlungsstränge nachdenke, aber letztlich zählt ja, was am Ende zu Papier gebracht wird.

Ich versuche zu vermeiden, Geschichten zu überfrachten. Es gibt bei mir genau so viele Charaktere, wie nötig sind, keine Effekthascherei oder sowas. Denn neben Plot-Holes stören mich unnötige Sequenzen (z.B. die total überflüssige, für die Handlung so gar nicht notwendige und rein aus optischen Gründen eingebaute Sexszene zwischen Selene und Michael in „Underworld Evolution“). Die handelnden Figuren stehen also schnell fest, genauso der zeitliche und örtliche Rahmen der Handlung. Oft spielen meine Geschichten insgesamt an nur wenigen Tagen. Beim geplanten Roman wird das so wohl nicht funktionieren, dafür ist der geplante Plot einfach zu komplex.

Wenn eine Geschichte zuende geschrieben ist, heißt das noch lange nicht, dass sie wirklich fertig ist. Wenn man so will, beginnt nun ein neuer Prozess, nämlich der des Prüfens. Dabei meine ich nicht nur Rechtschreibung und Grammatik, sondern insbesondere die Konsistenz der Handlung. All meine Geschichten haben Twists, unerwartete Wendungen oder auch Sequenzen, die sich erst im Nachgang als das herausstellen, was sie wirklich sind (hier sei wieder „Susan“ als Beispiel angeführt) bzw. Abschnitte, die bewusst mehrdeutig gehalten sind (wie in „23b“ zum Beispiel). Das kritische Lesen der eigenen Schöpfung ist aus meiner Sicht der wichtigste Schritt. Plotten und Schreiben, klar, sind auch wichtig, da ja sonst gar keine Geschichte entsteht, aber die „Post-Production“ macht aus einer guten Geschichte eine noch bessere. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es einer Geschichte auf jeden Fall und ohne Ausnahme guttut, wenn ich sie eine Weile liegen lasse und erst dann mit der Überarbeitung beginne.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie andere Autoren das machen. Vielleicht gibt es Menschen, die sofort die finale und perfekte Version zu Papier bringen und keine Überarbeitungsphase brauchen. Ich versuche jedenfalls, jede einzelne meiner Geschichten zu einem Unikat zu machen, jeder Plot soll, trotz ähnlicher Grundlage (oftmals ja Boy-meets-Girl) einzigartig sein. Und wenn das dann länger dauert – sei’s drum. An „Endstation“ sitze ich jetzt auch schon wieder viel länger als geplant, auch „Isabelle“ sollte eigentlich schon lange fertig sein.

Aber wie heißt es so schön: Du kannst die Kunst anschreien, aber sie lässt sich nicht hetzen.

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